Ich bin keine normale Künstlerin |
![]() |
Originally published on city-guide.de
Die Französin Guesch Patti wurde 1987 berühmt, als sie mit dem Song "Étienne" die europäischen Hitparaden eroberte. Das frivole Video sorgte nicht nur in Frankreich für einen Skandal und wurde mehrfach ausgezeichnet. Patti, die bürgerlich Patricia Porasse heißt und am 16. März '98 45 Jahre alt wird, begann ihre Karriere als Tänzerin. Sie gastierte in der Mailänder Scala und arbeitete mit Choreografen wie Roland Petit und Maurice Bejart. Für "Die Schwächen der Frauen" stand Guesch Patti nun erstmals als Schauspielerin in einem Kinofilm vor der Kamera.
Von Edda Bauer und Uwe Mies
Wo kommt eigentlich der Name her?
Guesch ist ein baskischer Name.
Ich wurde als Kind so genannt und habe das einfach beibehalten. Patti ist die
Koseform von Patricia.
Warum hat das so lange mit der Kinokarriere
gedauert? Wollte man Sie nicht?
Doch, schon. Es gab auch ziemlich viele
Angebote. Aber die haben mir alle nicht zugesagt.
Aus künstlerischen
Gründen?
Auch. Schauspiel an sich ist mir ja nicht fremd. Ich komme vom
Tanz und habe mich immer als schauspielende Tänzerin empfunden. Denn auch das
Ballett ist eine ständige Suche nach dem, was darzustellen ist. Es geht immer um
die Bereitschaft, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Dabei kann man
sich nicht allein auf Technik verlassen. Natürliche Begabung und eigene
Erfahrungen einbringen, das ist die Herausforderung bei Schauspiel und Film.
Das Kino wird oft als eigene Welt beschrieben.
Habe ich auch
so empfunden. Von der Bühne vor die Kamera, da war eine richtige Hemmschwelle.
Ich hatte fast Angst davor.
Trotzdem haben Sie angebissen.
Warum?
Das lag an der Rolle selbst. Diese Branca ist unkonventionell.
Aber das wäre zu einfach gewesen. Branca hat große Probleme mit ihrer Tochter.
Ich selbst bin keine Mutter, und das war dann richtig interessant für mich, wie
man so etwas darstellt.
Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Das war ganz harte Arbeit. Vier Wochen habe ich mich mit einer guten
Freundin zurückgezogen und die Rolle studiert. Dabei mußte ich mich immer wieder
auf meinen Instinkt verlassen, weil die Rolle nur wenig Biografie hat. Die
Dialoge waren aber auch nicht einfach. Ich mußte noch nie so viel sprechen.
Bei den Videoclips, die ich bisher gemacht habe, war ich allein verantwortlich. Beim Film muß man gefallen. Da ist Schauspiel eine Dienstleistung, die von anderen verarbeitet wird. Das hat viel mit Vertrauen zu tun.
Man kennt sie vor allem wegen ihres Hitsongs "Étienne". Aber
das ist schon elf Jahre her...
Ja ja, immer die alte Leier. Mich
amüsiert das nur noch.
Wie schön für Sie.
Ja, ich bin keine
normale Künstlerin. Da ist nicht nur ein Arbeitsbereich. Ich probiere gern alles
aus. Okay, Tanz ist mir am liebsten. Damit hat es ja auch angefangen. Aber dann
kamen Gesang, Theater und Musik dazu. Film war also nur die logische Folge. Und
zwischen all dem gibt es natürlich auch Phasen, wo man planen muß. Oder kreativ
ist. Oder wo man einfach nur mal Ruhe braucht.
Erstaunlich, daß Sie sich so lange treu bleiben konnten.
Ich sage ja nicht, daß das leicht war. Aber Medienwirksamkeit war noch nie
ein Triebmotor für meine Arbeit. Es wäre leicht gewesen, nach "Étienne" immer
weitere erotische Videos zu produzieren. Und wo hätte das dann hingeführt? Nein,
nein. In Frankreich nennt man mich Guesch Patti, die Untypische. Damit kann ich
viel besser leben.
Welche Projekte betreiben Sie derzeit?
Zuerst werde ich Choreografie machen. Da geht es um eine Aufführung beim
Tanzfestival in Montpellier. Das wird im Mai sein. Später im Jahr steht eine
Modenschau an, die ich für Castelbajac in Wien einstudieren werde. Und dann
werde ich wieder mit Peter Greenaway arbeiten. Ich war ja schon an der Musik
seines letzten Films "Die Bettlektüre" beteiligt.
Als Sängerin nimmt
man Sie kaum noch wahr bei uns.
Das glaube ich gerne. Ich bin bei einem
kleinen unabhängigen Verlag in Frankreich unter Vertrag. Meine Platten sind
deshalb nur schwer zu exportieren. Aber auch im eigenen Land ist kaum
Verbreitung möglich. Auch bei uns wird alles von amerikanischen Konzernen
gesteuert.
Sie schalten alles gleich mit ihren Produkten und drücken die heimischen Produkte ins Abseits. Dadurch werden die Interessen blockiert und deshalb wachsen auch die regionalen Unterschiede.
Stimmt, in
Deutschland weiß man kaum etwas von Filmen oder Musik aus Frankreich. Umgekehrt
gilt das wohl auch.
Ja. Dabei war Deutschland sehr wichtig für den
Erfolg von "Étienne". Der Song stieß in ein Vakuum und weckte Interesse. Es ist
also kein Problem der Künstler und ihrer Arbeit, wenn sich ihre Produkte nicht
in anderen Ländern verkaufen. Ich sage nicht, daß es keine Unterschiede gibt.
Aber vieles wäre einfacher, wenn die Sachen überhaupt mal wahrgenommen werden
könnten. Europa wächst zusammen und trotzdem schmoren alle mehr denn je im
eigenen Saft. Die Öffnung des kulturellen Systems ist mehr als überfällig.